Erweiterte Interpretation
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aus Flöte aktuell 03.2004
http://www.floete.net

Was ist die „erweiterte Interpretation“?

Als Satiriker würde ich zu dem Begriff sagen: Geht es auch eine Nummer kleiner?
Als Musiker muss ich sagen: Mir ist kein besserer eingefallen.
Aber jetzt im Ernst.

Die Idee der „erweiterten Interpretation“ besteht im wesentlichen darin, dass man mit
musikalischem Material künstlerisch kreativ umgeht.

Zwei Beispiele hierzu:

1. Ich kann Teile oder Sätze von Kompositionen z. B. von Schubert und Schönberg auswählen und so neu zusammenfügen, dass ihre vermeintlichen Gegensätze eine logische Entwicklung aufzeigen. Indem ich die Modernität Schuberts betone, kann ich hörbar machen, wie sehr Schönbergs Werk mit der traditionelle Musikentwicklung verbunden ist.
Meine musikalischen Mittel wären in diesem Fall das schroffe Gegenüberstellen des Materials, aber auch die Kreuzblende, wie man sie aus Filmen kennt, also das „surfen“ von einem Werk in das nächste. Dies wird dem Zuhörer eine völlig neue Hörsituation verschaffen.

2. Es kann ein großer Reiz darin liegen, Musik, die im Moment entsteht (improvisierte Musik), mit komponierter, also durchgeführter Musik zu verbinden.
Aus den „Incantations“ von A. Jolivet meinte ich immer schon afrikanische Einflüsse herauszuhören. Auch der Titel „Incantations“ (Beschwörungen) verweist darauf. Als ich erfuhr, dass große Teile dieses Werkes in Marokko entstanden waren, sah ich meinen Eindruck bestätigt. Nun könnte ich folgendermaßen verfahren.
Als erstes analysiere ich das Notenmaterial, um darüber improvisieren zu können. Dann bitte ich eine Percussionisten, einen schnelle afrikanische Groove zu spielen, spiele die 4. Incantation über diesem Rhythmus d. h. ich „fliege“ (wie die Rapper und Hip Hopper sagen) über diese Groove, beziehe mich also nicht unmittelbar auf sie. Kurz vor dem Finale verlasse ich das Notenmaterial, improvisiere jetzt direkt auf der Groove, um dann für das Finale den Schluss der Komposition zu verwenden.

Man kann an diesen zwei Beispielen unschwer erkennen, dass es bei der „erweiterten Interpretation“ immer darum geht, einem Stück eine oder mehreren Komponenten hinzu zu fügen.
Jetzt die Frage: Warum oder für wen das Ganze?

In einer Zeit, da die Krise der E- Musik überall zu spüren ist, sollte man, wie ich meine, nach alternativen Wegen der Vermittlung suchen. Bei der „erweiterten Interpretation“ gehe ich davon aus, dass es für die meisten Zuhörer bewusst oder unbewusst nichts „Unerhörtes“ mehr gibt. Indem ich die „erweiterte Interpretation“ anwende, bin ich in der Lage sowohl spannende, unterhaltende als auch aufklärende Konzerte zu gestalten.
Man muss sich aber im Klaren sein, das jemand der auf diese Weise arbeiten will, jede Facette der Werke kennen und ausleuchten muss um damit kompetent und kreativ umzugehen.